Eine Delegationsreise zwischen Fachkräftegewinnung, industrieller Zusammenarbeit und neuen Wachstumschancen
Der Freistaat Sachsen intensiviert seine Zusammenarbeit mit einem der dynamischsten Wachstumsräume der Welt: Indien. Unter Leitung von Wirtschafts- und Arbeitsminister Dirk Panter besuchte vom 9. bis 14. November 2025 eine rund 20-köpfige sächsische Delegation den südindischen Bundesstaat Tamil Nadu – ein industrielles Schwergewicht mit 85 Millionen Einwohnern, einer starken Technologiebasis und enormen Potenzialen für Kooperationen in Ausbildung, Maschinenbau, IT, Halbleitern und Textilwirtschaft.
Bereits im Vorfeld hatte Dirk Panter die strategische Bedeutung dieser Mission betont: »Indien ist ein Wachstumsmarkt für die nächsten Jahrzehnte. Mein Ziel ist es, dass sächsische Firmen von diesem Wachstum profitieren und diese Chancen nutzen.« Die Reise wurde von der Wirtschaftsförderung Sachsen GmbH (WFS) organisiert und knüpfte an die Sondierungsbesuche 2023 und 2024 an – zwei Reisen, die wichtige Türen geöffnet hatten.
Bei den Unternehmensbesuchen und politischen Gesprächen in den Millionenmetropolen Coimbatore und Chennai stellte Dirk Panter zahlreiche Anknüpfungspunkte mit dem »industriellen Herz« Indiens fest: »Die Region Tamil Nadu hat etwa 85 Millionen Einwohner und weist eine Wirtschaftsstruktur auf, die unserer in Sachsen sehr ähnlich ist – mit Schwerpunkten im Automobilbau, Maschinenbau, in der Halbleiterindustrie und im Textilsektor. Das passt sehr gut zu uns. Außerdem gibt es hier ausgezeichnete Universitäten, insbesondere im technischen Bereich, was sich hervorragend mit unserem Innovationsfokus in Sachsen deckt.«
Sachsens Unternehmen exportierten im vergangenen Jahr Waren im Wert 306,5 Millionen Euro in das mit mehr als 1,4 Milliarden Bewohnern bevölkerungsreichste Land der Welt. Die Potenziale sind weitaus größer. »Indien ist ein Wachstumsmarkt für die nächsten Jahrzehnte. Mein Ziel ist es, dass sächsische Firmen davon profitieren und diese Chancen nutzen. Einige sind schon da, viele sind interessiert«, sagt Wirtschaftsminister Dirk Panter und betont: »Der Freihandel ist nicht mehr das, was er einmal war. Mit Blick auf die geopolitischen Herausforderungen müssen sächsische Firmen ihre Absatzmärkte diversifizieren. Indien ist ein Partner, der unsere demokratischen Werte teilt – eine sehr gute Basis, um unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit auszubauen.«
Tamil Nadu: Industrielles Herz Indiens trifft auf sächsische Stärken


Tamil Nadu gilt als das »industrielle Herz« Indiens: ein Hightech-Standort mit global aktiven Unternehmen, starken Universitäten und wachsender Industrieproduktion. Die Wirtschaftsstruktur ähnelt in vielerlei Hinsicht der sächsischen – ein Grund, warum Panter bereits im Vorfeld sagte: »Die Wirtschaftsstrukturen hier passen sehr gut zu uns: Automobilbau, Maschinenbau, Halbleiterindustrie und der Textilsektor. Genau dort ist auch Sachsen stark.«
Zum Auftakt erhielt die Delegation im Goethe-Institut Chennai einen tieferen Einblick in interkulturelle Arbeitsprozesse. Das Generalkonsulat und die Deutsch-Indische Außenhandelskammer gaben zudem ein aktuelles Lagebild über Marktchancen, Rahmenbedingungen und Herausforderungen.
Politische Gespräche: Kooperation bei Halbleiterausbildung und Fachkräftegewinnung
Ein zentraler Programmpunkt war das Gespräch mit Tamil Nadus Industrieminister T. R. Baalu Rajaa in Chennai. Rajaa zeigte großes Interesse an Sachsens Halbleiterökosystem – insbesondere daran, wie man Fachkräfte nach deutschem Vorbild ausbilden kann.
Panter machte deutlich, wie wichtig der Austausch für den eigenen Arbeitsmarkt ist: »Es gibt unglaublich viele junge, engagierte Menschen hier. Gerade in technischen Berufen haben wir in Deutschland einen riesigen Bedarf. Wenn wir junge Menschen finden, die Deutsch lernen, motiviert sind und bereits eine solide technische Ausbildung haben, wäre es töricht, diese Chance nicht zu nutzen.«
WFS-Geschäftsführer Thomas Horn bestätigte die strategische Bedeutung: »Indien bietet nicht nur einen großen, schnell wachsenden Absatzmarkt. Es gibt auch ein riesiges Reservoir an jungen Talenten. Diese Potenziale können wir für Handel, Innovation und Fachkräftegewinnung gemeinsam nutzen.«

Ausbildung nach deutschem Vorbild: Beeindruckende Einblicke in Coimbatore
Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch des Gedee Technical Training Institute (GTTI) in Coimbatore – ein Leuchtturmprojekt, das das deutsche duale Ausbildungssystem erfolgreich adaptiert. Die Delegation begegnete hochmotivierten Auszubildenden, die nach deutschen Standards lernen – viele von ihnen sprechen bereits fließend Deutsch. Panter zeigte sich tief beeindruckt: »Es war beeindruckend zu sehen, mit welcher Qualität hier gearbeitet wird. Besonders in der Schweißtechnik gibt es hervorragend ausgebildete Fachkräfte – genau dort, wo wir in Deutschland große Lücken haben.«
Dieser Bereich ist für Sachsen und Deutschland zentral: Der demografische Wandel trifft technische Berufe besonders hart. Die Delegation machte klar, dass internationale Ausbildungspartnerschaften in Zukunft eine größere Rolle spielen werden.
Industrie-Praxis vor Ort: Von Textilgiganten bis Hightech-Zonen


Inspiration aus Sri City
Die Delegation reiste auch in die Sonderwirtschaftszone Sri City im Nachbarbundesstaat Andhra Pradesh – einer der modernsten Industrieparks Südindiens. Über 200 internationale Unternehmen produzieren dort unter hochprofessionellen Bedingungen, energieautark und mit eigener Infrastruktur.
Panter zeigte sich beeindruckt von der Geschwindigkeit der Entwicklung: »Genehmigungen in 21 Tagen, Produktionsstart in unter 100 Tagen – das ist bemerkenswert. Wir sind in Sachsen in der Lage, solche Geschwindigkeit punktuell auch zu erreichen. Die Herausforderung besteht darin, diesen Anspruch zum Standard zu machen.«
Mittelstand aus Sachsen weltweit erfolgreich: Bell Flavors & Fragrances
Ein herausragendes Beispiel sächsischen Unternehmertums in Indien ist das Leipziger Unternehmen Bell Flavors & Fragrances. Bereits seit 2004 aktiv, eröffnete Bell 2025 neue Labore, um Aromen und Düfte zu entwickeln, die speziell auf indische Marktbedürfnisse zugeschnitten sind. Panter würdigte das Engagement: »Bell zeigt eindrucksvoll, wie ein Mittelständler aus Sachsen nachhaltiges Wachstum mit internationaler Präsenz verbindet. Wer hier erfolgreich ist, denkt global und versteht lokale Bedürfnisse.«
CEO Holger Wetzler betonte beim Besuch die Bedeutung des Standortes: »Mit dem Standort in Sri City stärken wir unsere Präsenz auf dem indischen Markt. Hier entwickeln wir Aromen und Düfte, die die Vielfalt des Landes widerspiegeln.«

Textilindustrie: Wertschöpfung auf Weltniveau
Im riesigen Textilwerk K.P.R. Mill Limited in Coimbatore erhielt die Delegation Einblicke in eine beeindruckende industrielle Wertschöpfungskette – von Rohbaumwolle bis zur fertigen Bekleidung, alles unter einem Dach. Besonders positiv fiel ein Weiterbildungsprogramm für Frauen auf, das bereits über 40.000 Teilnehmerinnen neue berufliche Chancen eröffnet hat. Panter: »Die Motivation der Menschen hier ist beeindruckend. Wie sehr sie sich weiterentwickeln wollen – davon können wir uns in Deutschland eine Scheibe abschneiden.«


Gemeinsame Werte, gemeinsame Chancen
Indien ist der größte demokratische Staat der Welt – ein Aspekt, der für internationale Kooperationen immer wichtiger wird. Panter dazu: »Der Freihandel ist nicht mehr das, was er einmal war. Mit Blick auf geopolitische Herausforderungen müssen sächsische Unternehmen ihre Märkte diversifizieren. Indien ist ein Partner, der unsere demokratischen Werte teilt – eine sehr gute Basis für intensivere Zusammenarbeit.«
Der Besuch der sächsischen Delegation fand eine beachtliche Resonanz in den indischen Medien. Michael Hasper, Deutscher Generalkonsul in Chennai, erklärt: »Der Besuch von Wirtschaftsminister Panter und seiner Delegation erfolgt zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. Deutschland und deutsche Unternehmen stehen heute vor großen Herausforderungen wie etwa hohe Produktionskosten und Fachkräftemangel in Deutschland. In Indien bieten sich derzeit Lösungsansätze, die deutsche Unternehmen wieder stärken und wettbewerbsfähiger machen können. Dabei haben Sachsen und Tamil Nadu einander viel zu bieten. Das in industrieller Fertigung besonders starke Tamil Nadu stellt schon jetzt viele Produkte für deutsche Unternehmen her, die in Indien kostengünstiger als in Deutschland produziert werden können. Mit Ingenieuren, IT-Experten und Pflegekräften aus Tamil Nadu können dringend gebrauchte Fachkräfte sächsische Pflegeeinrichtungen unterstützen und sächsische Unternehmen stärken.«


Resonanz und Ausblick: Der Anfang einer langfristigen Partnerschaft
Die Reise machte deutlich, dass Sachsen und Tamil Nadu industriell geprägt, innovativ und exportstark sind. Beide Seiten können voneinander profitieren – sei es durch Technologietransfer, gemeinsame Ausbildungsinitiativen oder Investitionen. Dirk Panter abschließend: »Ich bin überzeugt: Indien kann für uns zu einem echten Partnerland werden – wirtschaftlich, politisch und menschlich. Entscheidend ist jetzt, dass wir die geknüpften Kontakte nutzen und in konkrete Kooperationen umsetzen.« WFS-Geschäftsführer Thomas Horn ergänzt: »Wir haben in Indien Partner gefunden, die wie wir in Sachsen auf Qualität, Innovation und Bildung setzen. Diese Beziehungen wollen wir langfristig festigen – mit konkreten Projekten und greifbaren Ergebnissen.«
