Der Leiter der Stabsstelle Ansiedlungen ist seit 30 Jahren im SMWA beschäftigt und steht vor dem Eintritt in den Ruhestand. Ein Gespräch über persönliche Meilensteine, Szenarien für »Zukünfte« des Wirtschaftsstandortes Sachsen und das Loslassen vom Beruf.
Christoph Zimmer-Conrad, 1960 im osthessischen Fulda geboren und aufgewachsen, studierte nach dem Abitur am Fuldaer Domgymnasium (mit inzwischen 1278 Jahren Geschichte eine der ältesten Schulen Deutschlands) Rechtswissenschaften und einige Semester Volkswirtschaftslehre an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Nach dem Referendariat in Hessen war er bis 1996 bei der früheren Bundesanstalt für Arbeit tätig, zuletzt als Abteilungsleiter und stellvertretender Direktor des Arbeitsamtes Bautzen. Im gleichen Jahr wechselte Christoph Zimmer-Conrad ins SMWA, wo er u. a. die Referate Technologie und Industrie leitete. Aktuell ist er Leiter der Stabsstelle Ansiedlungen. Seine Dienstzeit endet offiziell am 28. Februar 2027. Christoph Zimmer-Conrad hat drei Söhne und eine Enkeltochter.
Herr Zimmer-Conrad, welche Ereignisse und Erfolge aus über 40 Berufsjahren, davon drei Viertel im SMWA, werden Ihnen in besonderer Erinnerung bleiben und warum?
Christoph Zimmer-Conrad: Da ist natürlich allerhand passiert. In der Arbeitsverwaltung waren die historischen Hypotheken Ostdeutschlands nach 1989 mit besonderer Wucht zu spüren. Mauerfall und Deutsche Einheit haben mich sehr bewegt – eigentlich bis heute. Viele mutige Menschen, gerade auch in Sachsen, sowie einige glückliche Begleitumstände in der damaligen Sowjetunion, in Polen, im Vatikan und in den USA haben zur friedlichen Revolution und zur Wiedervereinigung beigetragen.
Mit etwas weniger westdeutscher Saturiertheit und noch mehr Konsequenz der damaligen Politik in Bonn und Berlin, aber auch mit weniger Regulierungs- und Harmonisierungswahn aus Brüssel, hätte man den »Aufbau Ost« noch viel erfolgreicher gestalten können. Dennoch war und ist gerade der Freistaat Sachsen weit vorangekommen.
»Die Eröffnung der neuen Infineon-Fabrik sendet in diesen Tagen das Signal in die Welt, dass Sachsen ein sehr guter Standort für Investitionen in der Halbleiterindustrie ist.«
Christoph Zimmer-Conrad, Leiter der Stabsstelle Ansiedlungen im SMWA
Ich empfand jeden Tag als Verpflichtung und als Geschenk zugleich, an dem ich an der erfolgreichen Entwicklung Sachsens in bescheidenem Umfang mitwirken durfte. Über eigene Erfolge sollte man nicht selbst sprechen. Aber Infineon nach der Insolvenz von Qimonda – mit großartiger Unterstützung einiger weniger beteiligter Kollegen – dazu gebracht zu haben, in die damals neue 300mm-Technologie für Leistungshalbleiter nicht in Malaysia, sondern in Sachsen zu investieren, war besonders wichtig, weil diese Entscheidung zugleich einen Wendepunkt für die damals schon halbtotgesagte sächsische Mikroelektronikindustrie bedeutete.
Die Eröffnung der neuen Infineon-Fabrik sendet in diesen Tagen das Signal in die Welt, dass Sachsen ein sehr guter Standort für Investitionen in der Halbleiterindustrie ist. Gleichzeitig warne ich davor, sich auf diesem Erfolg auszuruhen. Die Chips verlassen Dresden und fliegen anschließend mehrfach um die Welt, bevor sie tatsächlich in Autos oder anderen Anwendungen zum Einsatz kommen. Das sogenannte Backend sowie weitere Abschnitte der Wertschöpfung finden überwiegend nicht hier statt. Auch das Chipdesign vor der Fertigung ist noch relativ schwach ausgeprägt. Auf diesen Gebieten sehe ich noch Wertschöpfungspotenziale.
Mit ein bisschen Stolz erinnere ich mich auch an das »Sparring«, welches ich sächsischen Antragstellern bei großen Projekten und Wettbewerben des Bundes angeboten hatte, um ihre Chancen bei der Auswahl zu erhöhen. Das hat ziemlich gut funktioniert.
Und klar gab und gibt es auch Dinge, die nicht so laufen, wie man es sich gewünscht hätte. So hat sich zum Beispiel noch kein Investor gefunden, der die Projektidee eines Testrings für Eisenbahntechnik in Sachsen (TETIS) verwirklicht.
Die sächsische Wirtschaft erlebt gerade wieder eine Phase tiefgreifender Transformation. Wo sehen Sie den Wirtschaftsstandort Sachsen in 10 bis 15 Jahren?
Christoph Zimmer-Conrad: In Anbetracht der globalen Unwägbarkeiten fällt es schwer, so weit in die Zukunft zu schauen. Ein früherer Staatsminister unseres Hauses hat gern von »Zukünften« gesprochen. Denn es sind verschiedene Szenarien denkbar. Sollten Krisen, Konflikte und Kriege in der Welt auf dem aktuellen Niveau verharren oder gar zunehmen, und sollten Brüssel und Berlin gleichzeitig nicht in der Lage sein, die Rahmenbedingungen in Europa und Deutschland für Investitionen maßgeblich zu verbessern, sieht es nicht gut aus.
Wenn Europa und Deutschland im globalen Wettbewerb immer weiter abrutschen, hat es auch der eigentlich recht gut aufgestellte Wirtschaftsstandort Sachsen nicht leicht. Wir sind stark in der Halbleiterindustrie und in der Medizintechnik. Hier müssen wir weiter intensiv Innovationen befördern und unseren Anteil an der Wertschöpfung vergrößern. Und wir haben das Potenzial, auf dem Sektor Sicherheit und Verteidigung mehr von den ökonomischen Effekten einer – traurigerweise – gestiegenen Nachfrage nach entsprechenden Gütern und Dienstleistungen zu profitieren. Traditionsbranchen wie Automobil- und Maschinenbau hingegen werden sich einer immer stärkeren – insbesondere chinesischen – Konkurrenz ausgesetzt sehen. Da stehen schmerzhafte Anpassungen und eine viel stärkere Automatisierung und Robotisierung auf der Agenda. Nur mit deutlich höherer Produktivität können wir diejenigen Mittel erwirtschaften, die die Politik allzu gern für viele gutgemeinte Zwecke ausgibt.

Ihr Namenskürzel »ZiCo« ist quasi ein Markenzeichen im SMWA. Wird es Ihnen leichtfallen, von der Arbeit loszulassen, und was möchten Sie den Beschäftigten mit auf den Weg geben?
Christoph Zimmer-Conrad: Nach längeren Urlauben stellt man fest: Ein Leben ohne Büro ist möglich. Wie schwer oder leicht es mir fallen wird, den Beruf ganz loszulassen, wird sich zeigen. Ich habe in den vergangenen Wochen schon einige Aufgaben und etliche Ehrenämter in Beiräten und Kuratorien an sehr gute jüngere Kolleginnen und Kollegen abgeben dürfen. Das ist ein rundum gutes Gefühl. Mehr Zeit zu haben für meine privaten Interessen – Radfahren, Bergsteigen und die Musik von Johann Sebastian Bach -, werde ich auch genießen.
Mein Ehrenamt als (Aushilfs-)Organist im katholischen Teil des Bautzner Doms werde ich weiter ausüben, solange das möglich ist. Im Durchschnitt bin ich an einem Wochenende im Monat für bis zu vier Gottesdienste eingeteilt. Ich mache das dort schon seit 32 Jahren, insgesamt nun schon über 50 Jahre. Am Pfingstmontag 1976 hatte ich zum ersten Mal einen Gottesdienst begleitet – damals in einer Garnisonskirche der US-Army und dann bald auch in anderen Kirchen meiner Heimatstadt Fulda.
Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen ich hier über viele Jahre zusammenarbeiten durfte, wissen, dass ich ein Verfechter des aktiven Genus Verbi bin. Ich störe mich sehr an passiven Formulierungen. Denn gerade in einer gestaltenden Wirtschaftspolitik – aber auch auf vielen anderen Politikfeldern – sind konkrete Aktivitäten gefragt. Im Passiv lässt sich viel zu einfach verstecken, wer eigentlich was konkret machen muss. Neulich habe ich in einer Vorlage allen Ernstes gelesen, dass »der Transformationsprozess in Südwestsachsen aktiv gestaltet werden« müsse – eine passiv formulierte Forderung nach Aktivität! Daraus kann nichts werden. Wer etwas verbessern will, muss das aktiv machen. Dieses kleine Vermächtnis würde ich dem Haus gern hinterlassen. Freilich muss man der nächsten Generation selbstverständlich auch die Chance geben, ihre eigenen Wege und Lösungen zu finden. Mit Blick auf meine Söhne sowie auf viele hoch engagierte junge Kolleginnen und Kollegen im SMWA bin ich da recht zuversichtlich.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Christian Adler.
Bildrechte Foto oben: SMWA, Julian Hoffmann
