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#ZUKUNFTblog

»Wir haben eine herausfordernde Situation für das sächsische Handwerk«

»Wir haben eine herausfordernde Situation für das sächsische Handwerk«

Sven Börjesson ist Beauftragter für Innovation und Technologie (BIT) der HWK zu Leipzig. Er berichtet im #ZUKUNFTblog-Interview, vor welchen klima- und energiepolitischen Herausforderungen das Sächsische Handwerk aktuell steht und welche Hilfen die HWK den Unternehmen dabei bietet.

ZUKUNFTblog: Klimapolitische Themen haben durch die Beschleunigung der Energiewende und den Anstieg der Energiepreise in Folge des Ukraine-Krieges maßgeblich Eingang in das wirtschaftliche Handeln von Sachsens Handwerk gefunden. Das Bewusstsein für eine nachhaltige, zukunftsorientierte Wirtschaftsweise wird zunehmend spürbar. Wie ist Ihre Wahrnehmung zum Interesse und Engagement des sächsischen Handwerks beim Thema Klimafreundlichkeit?

Sven Börjesson: Für die anstehenden Transformationsprozesse bei Klimaschutz und Energiewende nimmt das Handwerk eine Schlüsselrolle ein. Die Betriebe sind gleichzeitig Umsetzer und Betroffene. Aufgrund ihrer regionalen Verwurzelung ist das Handwerk a priori Klimaschützer.

Mit Material und Ressourcen ist das Handwerk schon alleine aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit immer sorgfältig und schonend umgegangen. Dass der Energieverbrauch optimiert werden kann und muss, ist den Unternehmen mit Ausbruch des Ukraine -Krieges noch deutlicher ins Bewusstsein gerückt.

Wir nehmen auch wahr, dass die Unternehmerinnen und Unternehmer zunehmend erkennen, dass der Einsatz nachhaltige Praktiken und umweltfreundliche Technologien in ihren eigenen Betrieben nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bieten können.

Das Interesse wächst daher, aber der Knackpunkt ist, dass der Weg vom Problembewusstsein bis zur Änderung des Handelns lang ist. Hier bieten die Handwerkskammern ihren Mitgliedern vielfältige Unterstützungsangebote, um immer besser Informations- und Handlungsbarrieren abzubauen.

Andererseits ist die Unsicherheit der Unternehmen hinsichtlich Investitionsentscheidungen, die mittelfristig zu mehr Klimafreundlichkeit beitragen, immer noch sehr hoch. Dies ist in erster Linie den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen geschuldet. Je mehr Klarheit und Verlässlichkeit es gibt, desto größer wird das Engagement sein.

ZUKUNFTblog: Für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens ist der effiziente und möglichst klimaneutrale Einsatz von Energie immer entscheidender. Energieeinsparmaßnahmen und die Nutzung erneuerbarer Energien stehen dabei im Fokus. Welche konkreten Herausforderungen sehen Sie für das sächsische Handwerk?

Sven Börjesson: Wir haben es aktuell mit einer herausfordernden Gesamtsituation für das sächsische Handwerk zu tun. Die Gewinnung und Bindung von Fachkräften, teils drastisch gestiegene Kosten für Materialien und Produkte sowie Unsicherheiten hinsichtlich deren Verfügbarkeit, zunehmenden schwieriger werdende Finanzierung, verunsicherte Auftraggeber und die weiterhin steigende Zahl von gesetzlichen Regelungen, die es zu berücksichtigen gilt.

Das alles vor dem Hintergrund, dass der typische sächsische Handwerksbetrieb weniger als 10 Mitarbeitende hat und die genannten Themen alle durch die Betriebsinhaberin bzw. den Betriebsinhaber zu berücksichtigen und zu bearbeiten sind. In diesen Kontext ist das Thema Energie im Unternehmen zu betrachten. Es ist nicht das Nr. 1 Thema, sondern eines von sehr vielen Themen.

Die Verunsicherung im Handwerk, aber auch bei den Kunden ist insgesamt groß. Die Debatten um das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die sich daran anschließenden Diskussionen in der Bevölkerung aber auch unter den Handwerkern haben gezeigt, dass dies nicht ohne Folgen bleibt.

Die sächsischen Handwerksbetriebe sind auf eine sichere und bezahlbare Energieversorgung angewiesen, sowohl bei Strom als auch bei Energieträgern für Wärme und Prozesse.

So kann z.B. nur ein Teil der Betriebe auf die Eigenstromversorgung mittels Photovoltaik setzen, da oft die Gegebenheiten vor Ort (z.B. keine geeigneten Flächen oder Standort nur zur Miete) dies nicht zulassen.

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Auch die Beheizung von Gebäuden oder Werkstätten sowie die Bereitstellung von in Produktionsprozessen benötigter Energie, stellt viele Unternehmen vor enorme Herausforderungen. So ist eine Umstellung der Heizungsanlage auf die oft diskutierte Wärmepumpentechnologie bei vielen Bestandsstandorten eine sehr große technische und finanzielle Herausforderung, die oft auch mit einer öffentlichen Förderung nicht möglich ist.

Weitere Herausförderungen ergeben sich bei der Umsetzung geplanter Maßnahmen. Die Kapazitäten ausführender Unternehmen sind begrenzt, was zu langen Umsetzungszeiträumen führt. Hinzu kommen Unsicherheiten bei Verfügbarkeit und Lieferbarkeit von Produkten, Materialien und Anlagen. Zudem ist die Angebotsbindung teils sehr kurz, was wiederum zu Unsicherheiten bei der Finanzierung führen kann.

ZUKUNFTblog: Die Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz bietet seit einiger Zeit ein kostenloses E-Tool zur Erfassung des Energieverbrauchs und der Energiekosten in Handwerksbetrieben an. Welche konkreten Vorteile sehen Sie in der Anwendung des Tools für die Unternehmen?

Sven Börjesson: Das E-Tool wurde als kostenfreies Angebot für Handwerksbetriebe entwickelt, um bei der strukturierten Erfassung und Auswertung des Energieverbrauchs und der Energiekosten zu unterstützen. Das E-Tool schafft so die Grundlagen für die Ableitung von konkreten Energieeffizienzmaßnahmen im Unternehmen. Denn nur wer weiß, was die größten »Energieschleudern« im Betrieb sind, kann aktiv Verbesserungsmaßnahmen für diese angehen.

Durch den geführten Modus des E-Tools werden auch »Energielaien« bei der Eingabe ihrer Strom-, Wärme-, Kraftstoff- und Wasserverbrauchsdaten geleitet. Anschließend bietet das Tool tabellarische und grafische Auswertungen der erfassten Informationen an und macht diese so zur zentralen Ausgangsbasis für das eigene betriebliche Monitoring. Sie bilden eine solide Entscheidungsgrundlage für zukünftige Effizienz- und Klimaschutzmaßnahmen und stoßen so wichtige Effizienzsteigerungen und Emissionsminderungen an.

Sven Börjesson, Beauftragter für Innovation und Technologie
(BIT) der HWK zu Leipzig. Foto: Marco Kitzing

Durch die Bildung von Kennzahlen und dem Vergleich mit anderen Betrieben wird schnell ersichtlich, wie das eigene Unternehmen dasteht und ob es noch Einsparpotential gibt. So bietet das E-Tool eine Vielzahl von zusätzlichen Funktionen, von einem Photovoltaikanlagen-Prognosetool, über die automatische Prüfung und Ausweisung von Energie- und Stromsteuerermäßigungen bis hin zu einem Tool zur Auswertung von Stromlastgängen

Mittlerweile hat das E-Tool auch außerhalb des Handwerks und zwar im Kulturbereich erste Nachnutzer gefunden. Dafür wurde das E-Tool in einem Kooperationsprojekt der Städte Leipzig und Dresden gemeinsam mit der Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz, dem Unternehmen GICON®-Großmann Ingenieur Consult GmbH, dem Softwareunternehmen WIPS-com GmbH sowie dem Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW schrittweise an die spezifischen Anforderungen des Kulturbereichs angepasst. Seit November 2023 steht das E-Tool-Kultur allen städtischen und freien Kulturinstitutionen in Leipzig und Dresden zur kostenfreien Nutzung zur Verfügung und ermöglicht die Erstellung vollständiger CO2-Bilanzen nach GHG in allen 3 Scopes.

Die Zusammenarbeit in diesem Kooperationsprojekt war für alle Seiten bereichernd und das Ergebnis ist so überzeugend, dass aktuell Gespräche laufen, das E-Tool-Kultur bundesweit allen Kultureinrichtungen zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Hier hoffen wir auf eine positive Entscheidung Anfang des nächsten Jahres.

Das Beispiel Kultur zeigt, durch seinen Aufbau kann des E-Tools mit überschaubarem Aufwand an die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzergruppen angepasst werden. So gab es bereits Anfragen von kleineren Industriebetrieben, sozialen Einrichtungen, Kommunen oder Sportvereinen.

ZUKUNFTblog: Das planvolle Erfassen der wichtigsten betrieblichen Daten rund um das Thema Energie und deren Auswertung gewinnt im Geschäftsverkehr zunehmend an Bedeutung. Welche Erfahrungen machen Ihre Handwerksbetriebe bereits mit der Ermittlung des sog. CO2-Fußabdrucks?

Sven Börjesson: Aktuell melden uns unsere Unternehmen noch keinen größeren Bedarf, was die Ermittlung eines CO2-Fußabdrucks anbelangt. Die Bedeutung dieser Frage wird aber voraussichtlich in Zukunft wachsen. Wir sind mit dem E-Tool sehr gut aufgestellt und können auch für diese Frage ein einfaches und auf die betrieblichen Bedürfnisse von KMU zugeschnittenes Instrument anbieten.

Seit neuestem ist daher die Erstellung eines CO2-Fußabdruckes in Anlehnung an das Greenhouse Gas Protokoll – GHG (mit den Scopes 1, 2 und 3) möglich. Wie sich der Bedarf entwickelt, wird sich zeigen. Wir und damit das Handwerk sind in jedem Fall vorbereitet.

ZUKUNFTblog: Die Kammern bieten darüber hinaus ein vielfältiges Beratungsangebot für sächsische Unternehmen. Mit welchen konkreten Angeboten können Sie den grünen Wandel aktiv unterstützen?

Sven Börjesson: Die Handwerkskammern in Sachsen unterstützen ihre Mitgliedsbetriebe mit einer breiten Palette an konkreten Angeboten bei der Einführung ökologisch nachhaltiger Verfahren und der Gestaltung umweltfreundlicher Prozesse.

Eine der zentralen Dienstleistungen der Handwerkskammern ist die individuelle Beratung von Betrieben. Hierbei stehen erfahrene Experten zur Verfügung, die die Unternehmen z.B. bei Themen wie Energieeffizienz, Nutzung Erneuerbarer Energien, Digitalisierung, Abfallreduzierung und ressourcenschonende Produktionsmethoden beraten und bei deren Umsetzung begleiten.

Zudem bieten die Handwerkskammern Veranstaltungen und Fortbildungen an, die speziell auf die Bedürfnisse von Handwerksbetrieben zugeschnitten sind. Insbesondere bei Energiethemen erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der sächsischen Energieagentur – SAENA.  

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Außerdem wird Unterstützung auch bei der Identifikation von Fördermöglichkeiten und Finanzierungsinstrumenten für umweltfreundliche Projekte geleistet. Durch ihre Vernetzung mit verschiedenen Institutionen können die Kammern Unternehmen bei der Beantragung von Fördermitteln unterstützen und somit finanzielle Hürden für nachhaltige Investitionen reduzieren.

Ein weiterer Baustein ist die Vermittlung von Best-Practice-Beispielen. Unternehmen können von den Erfahrungen anderer Betriebe lernen, die bereits erfolgreich Projekte umgesetzt haben. Dieser Erfahrungsaustausch fördert nicht nur das Lernen voneinander, sondern auch die Schaffung von branchenübergreifenden Netzwerken.


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