{"id":1675,"date":"2023-03-14T08:07:00","date_gmt":"2023-03-14T08:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/?p=1675"},"modified":"2023-03-15T09:28:13","modified_gmt":"2023-03-15T09:28:13","slug":"wie-man-sich-einen-tarifvertrag-erkaempft-ganz-ohne-streik-interview-mit-michael-mueller-betriebsratsvorsitzender-der-sks-kontakttechnik-niederdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/2023\/03\/14\/wie-man-sich-einen-tarifvertrag-erkaempft-ganz-ohne-streik-interview-mit-michael-mueller-betriebsratsvorsitzender-der-sks-kontakttechnik-niederdorf\/","title":{"rendered":"Wie man sich einen Tarifvertrag erk\u00e4mpft &#8211; ganz ohne Streik \u2013 Interview mit Michael M\u00fcller, Betriebsratsvorsitzender der SKS Kontakttechnik Niederdorf"},"content":{"rendered":"\n<p>Auf der Betriebsversammlung der SKS Kontakttechnik GmbH am 10. M\u00e4rz 2023 verk\u00fcndete der Betriebsratsvorsitzende Michael M\u00fcller den Besch\u00e4ftigten einen gelungenen Haustarifabschluss: \u00bb\u00dcber 400 Euro mehr Gehalt allein in den unteren Entgeltgruppen, also eine Erh\u00f6hung des Stundenlohns von reichlich 2 Euro sind ein starkes Ergebnis. Im Durchschnitt steigen die Geh\u00e4lter innerhalb der Laufzeit um immerhin 17 Prozent.\u00ab Damit profitieren \u00fcber 600 Besch\u00e4ftigte der Phoenix-Contact-Gruppe am Standort Niederdorf. Davon zeigte sich auch der anwesende Wirtschafts-, Arbeits- und Verkehrsminister Martin Dulig bei seinem Besuch begeistert. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"960\" src=\"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1-1280x960.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1697 size-full\" srcset=\"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1-1280x960.jpg 1280w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1-430x323.jpg 430w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0029-1.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Martin Dulig: \u00bbDie Arbeit der Betriebsr\u00e4te ist hier wesentlich. Ohne starke Mitbestimmung w\u00e4re es nicht m\u00f6glich gewesen, innerhalb weniger Monate einen solchen Haustarif einzuf\u00fchren. Ich w\u00fcnsche mir, dass der Tarifvertrag Signalwirkung hat und andere Unternehmen nachziehen. Attraktive Arbeitgeber haben definitiv bessere Chancen, ihre Besch\u00e4ftigten zu halten und neue zu finden. Zufriedene Besch\u00e4ftigte sind die beste Werbung.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wir wollten es genauer wissen und haben Betriebsratsvorsitzenden Michael M\u00fcller um ein Interview gebeten:<\/h2>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong>&nbsp;<strong>Herr M\u00fcller, seit kurzem gibt es f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten der SKS Kontakttechnik GmbH einen Tarifvertrag. Wie haben Sie das geschafft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong>Nach erfolgreicher Betriebsratswahl 2021, dachten wir als Gremium, da ist sicher mehr drin und sprachen konsequent Kolleginnen und Kollegen an, um sie f\u00fcr gewerkschaftliches Engagement zu gewinnen. Dabei kl\u00e4rten wir Sie auf, welche Arbeitsbedingungen in den alten Bundesl\u00e4ndern vorherrschen und es an der Zeit ist, hier eine Anpassung einzuleiten, um diesen Abstand abzubauen. So konnte innerhalb von zehn Monaten der gewerkschaftliche Organisationsgrad von 3 Prozent auf \u00fcber 60 Prozent gebracht werden und die Arbeitgeberseite zu Tarifgespr\u00e4chen aufgefordert werden. All dies unter Corona-Bedingungen. Da wir uns als Betriebsrat im Unternehmen mehrmals erfolgreich als konfliktf\u00e4hig bewiesen haben, wurde auch von der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung dieses Thema mit der notwendigen Priorisierung angenommen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong>&nbsp;<strong>Welche Unterst\u00fctzung hatten Sie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong> Zuerst nat\u00fcrlich die meiner Kolleginnen und Kollegen. Nur durch ihre Bereitschaft in die IG Metall einzutreten, konnte \u00fcberhaupt der f\u00fcr den Fall der Konfliktaustragung erforderliche Organisationsgrad erreicht werden. Klar, dass ohne die Unterst\u00fctzung der Gewerkschaft selbst ein Tarifeinstieg auch nicht gelingen kann. Ich m\u00f6chte aber betonen, ohne die entsprechende Verhandlungsbereitschaft der Arbeitgeberseite w\u00e4re ein so guter Haustarifeinstieg nicht gelungen, von daher kann selbst unser Arbeitgeber als Unterst\u00fctzer der Tarifeinf\u00fchrung anerkannt werden. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong> <strong>War es ein schwieriger bzw. langer Prozess?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong> Anfangs, nachdem die betrieblichen Voraussetzungen geschaffen waren und die IG Metall den Einstieg in die Verhandlungen gefordert hatte, kam es Corona-Bedingt immer wieder zu Verz\u00f6gerungen. Nach Lockerungen Mitte vorigen Jahres nahmen die Gespr\u00e4che sehr schnell konkrete Z\u00fcge an. Von daher m\u00f6chte ich sogar behaupten, der Prozess ging schneller als erwartet. Anderseits musste in unserem Betrieb erst ein Eingruppierungssystem etabliert werden. Da war es unsere Willensst\u00e4rke und durch Schulungen erlangten fundierte Kenntnisse, die den n\u00f6tigen Drive in die arbeitgeberseitige Eingruppierung brachten. Hier zeigten sich klar die Vorteile der betriebsverfassungsgesetzlichen Mitbestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong> <strong>Welche konkreten Vorteile sehen Sie f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten und das Unternehmen durch den Tarifvertrag?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong> Entgegen der bisherigen Situation sorgt unser Tarifvertrag und das Eingruppierungssystem f\u00fcr mehr Transparenz und f\u00f6rdert die Gleichstellung. Nat\u00fcrlich war der Anspruch der Tarifgespr\u00e4che von vornherein, die Geh\u00e4lter der Besch\u00e4ftigten zu steigern. Schlie\u00dflich ist es auch an der Zeit, die Lohnl\u00fccke zwischen den neuen und alten Bundesl\u00e4ndern zu schlie\u00dfen. Gerade f\u00fcr unser Erzgebirge ist es wichtig, aus der Rolle des Niedriglohnlandkreises Deutschlands herauszutreten. Deshalb w\u00fcnsche ich mir, dass weitere Belegschaften in unserer Region unserem Beispiel folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong>&nbsp;<strong>Welches Bild haben Sie von der Zukunft der Arbeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong>Durch den demographischen Wandel und der Transformation wird zunehmend automatisiert und digitalisiert werden und vielleicht sogar m\u00fcssen. Auch KI wird nach und nach eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle spielen. Menschengef\u00fcllte Fabrikhallen geh\u00f6ren jedenfalls, wie man sieht, zunehmend der Vergangenheit an.<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong>&nbsp;<strong>Was l\u00f6st das Thema Digitalisierung unter den Besch\u00e4ftigten und innerhalb der Gewerkschaft aus? F\u00fcrchten Sie, dass menschliche Arbeit immer st\u00e4rker ersetzt wird? Oder sehen Sie es als Chance?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong>Ich bin mir sicher, hier gehen altersabh\u00e4ngig die Meinungen stark auseinander. Ganz klar, dass die j\u00fcngere Generation aufgeschlossener gegen\u00fcber der Digitalisierung ist. Auf jeden Fall ist es die Technologie unserer Zeit und sie wird in allen Bereichen zunehmend eine Rolle spielen. Auch in der Gewerkschaftsarbeit findet hier gerade ein Umbruch statt, wie z.B. Umfrageapps und auf Betriebe zugeschnittene soziale Netzwerke, \u00e4hnlich Facebook, zeigen. Aber es bestehen auch Risiken, wie zum Beispiel die Datensicherheit oder Cyberkriminalit\u00e4t. Hier haben wir als Betriebsr\u00e4te auch eine wichtige Funktion, denn digitale Medien machen Leistungs- und Verhaltensauswertung wie jeder wissen sollte sehr einfach. Dass Arbeitspl\u00e4tze im Zuge der Digitalisierung wegfallen, glaube ich in diesem Zusammenhang nicht. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>#<strong>ZUKUNFTblog:<\/strong>&nbsp;<strong>Der Organisationsgrad der Besch\u00e4ftigten in Sachsen ist sehr niedrig. Was glauben Sie, spielt Solidarit\u00e4t auch k\u00fcnftig eine Rolle?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Michael M\u00fcller: <\/strong>Wie ich an unserem Betrieb zeigen kann, ist es nach meiner Meinung wichtig, dass sich die Besch\u00e4ftigten gewerkschaftlich organisieren. Es sind bestimmt sehr wenige Arbeitgeber, die freiwillig die Geh\u00e4lter ihrer Besch\u00e4ftigten auf das Niveau tarifgebundener Betriebe in den alten Bundesl\u00e4ndern heben werden. Eher sind Unternehmer n\u00fcchterne Rechner, die knallhart kalkulieren. Hier hilft kein Kritisieren der Einkommenssituation in Sachsen gegen\u00fcber der Politik, sondern nur die gemeinschaftliche gewerkschaftliche Bet\u00e4tigung. Die Wende ist nun 33 Jahre her, Zeit die Gehaltsl\u00fccke zu schlie\u00dfen. Jetzt.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1280\" height=\"960\" src=\"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021-1280x960.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1699\" srcset=\"https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021-1280x960.jpg 1280w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021-430x323.jpg 430w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.smwa.sachsen.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/IMG-20230310-WA0021.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Betriebsratsvorsitzender Michael M\u00fcller (Mitte neben Minister Dulig) mit Kolleg*innen und <br>Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Michael M\u00fcller, 43, verheirateter Familienvater, ist gelernter B\u00fcchsenmacher und seit 2011 bei SKS Kontakttechnik GmbH in Niederdorf als Werkzeugmechaniker besch\u00e4ftigt. Um Betriebsratswahlen im Betrieb zu initiieren, fiel 2020 sein Entschluss, der IG Metall beizutreten. Damit bekam er die erhoffte Unterst\u00fctzung bei der Wahlvorbereitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Betriebsversammlung der SKS Kontakttechnik GmbH am 10. M\u00e4rz 2023 verk\u00fcndete der Betriebsratsvorsitzende Michael M\u00fcller den Besch\u00e4ftigten einen gelungenen Haustarifabschluss: \u00bb\u00dcber 400 Euro mehr Gehalt allein in den unteren Entgeltgruppen, also eine Erh\u00f6hung des Stundenlohns von reichlich 2 Euro sind ein starkes Ergebnis. 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