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Martin Dulig – ein Tag als Buchbinder im Bindwerk Dresden

Monoton klackern pausenlos im Hintergrund die Maschinen in der großen Werkshalle. Im Sekundentakt schieben sich auf einem Rollband dutzende Exemplare eines medizinischen Fachbuches über Augenkrankheiten voran. Ganz am Ende der Taktstraße werden die Bücher händisch aufgestapelt und dann verschweißt.

Seit 8 Uhr arbeite ich im Bindwerk in Dresden. Das Traditions-Unternehmen wurde 1913 von Buchbindermeister Richard Kurth gegründet. Es zählt heute zu den wenigen von großen Verlagen unabhängigen industriellen Buchbindereien in Deutschland, die noch ein Vollsortiment – von der Kalenderherstellung bis zum Buchbinden in allen denkbaren Variationen und in Auflagen von 100 bis 100.000 Stück – anbieten. 50 Mitarbeiter arbeiten hier in zwei Schichten. Im November und Dezember, wenn die Kalenderproduktion auf Hochtouren läuft, wird auch samstags gearbeitet.

Gleich zu Dienstbeginn bekam ich die obligatorische Arbeitsschutzbelehrung, dann ging es auch schon in die Produktion: An einer Maschine lege ich vernähte Buchseiten ein, die automatisch mit einem Deckel verklebt werden. Wie üblich bei „Deine Arbeit, meine Arbeit“ komme ich nicht angemeldet als Minister, sondern bin einfach als Praktikant Martin morgens in der Produktion. So sind die Gespräche mit den Kollegen unkomplizierter. Wir unterhalten uns über Mindestlohn, geringfügige Beschäftigung und Herausforderungen durch die Digitalisierung, gerade für Buchbinder durch die Konkurrenz zum digitalen Buch ein aktuelles Thema. Den ganzen Tag helfe ich beim Bücherbinden, Verleimen, Seiteneinlegen sowie beim Sortieren und Stapeln der fertigen Exemplare für den Transport.

Geschäftsführer Franz Bradler betreut mich. Fachkundig erklärt er mir die Maschinen, die verschiedenen Arten des Buchbindens und der Kalenderherstellung. Dabei ist es ein trauriger Zufall, dass der 30-jährige Chef des Unternehmens Bindwerk ist. 2016 übernahm er völlig ungeplant die Führung des Familienbetriebes, nachdem sein Vater beim Bergsteigen in einer Lawine ums Leben gekommen ist. Mit 27 Jahren war Bradler plötzlich für
50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich.

Eigentlich plante er für sich eine Zukunft in der Luft- und Raumfahrtbranche. Nach dem beendeten Mechatronik-Studium nahm er sich eine Auszeit in Neuseeland – Zeit, um das Leben zu genießen. „Doch dann war von heute auf morgen alles anders“, erzählt er. „Ich bekam den Anruf, dass mein Vater verunglückt ist. Wir reisten sofort zurück nach Dresden.“ Es gab keine Vorkehrungen für eine Nachfolge im Unternehmen. Die Geschwister waren alle noch zu jung, er der einzige, der die Leitung übernehmen konnte und letztlich auch übernahm. Immer neue Probleme gab es zu Beginn: „Ich kannte weder Passwörter noch die Details“, erzählt er. Viele Stationen in der Firma selbst hatte Bradler bereits in seinen Semesterferien als Ferienjob durchlaufen.

Im vergangenen Jahr wurde Franz Bradler mit dem „Sächsischen Meilenstein“ ausgezeichnet – für eine besonders gelungene Unternehmensnachfolge. Ihm zolle ich als Mensch und als Unternehmer tiefsten Respekt für seinen Lebensweg.

Es ist viel händische Arbeit, die in einer Buchbinderei, trotz aller Maschinen und Automatisierungstechnik, anfällt. Das hätte ich so nicht erwartet. Begeistert bin ich von dem sehr jungen Team, welches flexibel und engagiert jeden Tag an die Arbeit geht. Es hat mir viel Spaß gemacht, in den Beruf des Buchbinders, den es leider immer seltener gibt, hinein zu schnuppern.

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