1. Herausgeber
Inhalt

Martin Dulig – ein Tag in der Montage bei der Bombardier Transportation GmbH in Görlitz

Was für ein Jubiläum! Seit nunmehr 170 Jahren werden in Görlitz Schienenfahrzeuge produziert! Auf diese Tradition ist die Belegschaft zu Recht stolz. Diesmal war ich für mein Projekt »Deine Arbeit, meine Arbeit« einen Arbeitstag lang Teil dieses tollen Teams – als Praktikant in der Endmontage von Doppelstockzügen bei Bombardier.

Nach der obligatorischen Arbeitsunterweisung und dem Einkleiden geht es los: Kurz nach 7 Uhr beginnt meine Schicht in der Montagehalle in Görlitz. Mit schwarzem Bombardier-T-Shirt, grauer Hose und Jacke sowie der Arbeitsschutz-Schirmmütze gehe ich zu meinem 6-Mann-Team. Schon auf dem Hof werde ich diesmal erkannt. Innerhalb weniger Minuten wissen zumindest bei mir in der Endmontage alle, dass ich im Werk bin. Berührungsängste gibt es keine – wir sind sofort alle beim Du.

Mit meinen Kollegen kümmere ich mich um den sogenannten veredelten Rohbau, quasi die Endmontage des Rohbaus, an Wagen des Twindexx Swiss Express. Diese sehr hochwertigen Bahnen stellt Bombardier für die Schweizer Bundesbahn (SBB) her. Das heißt Karosseriebau, Lackieren und Elektronik passieren hier vor Ort. Der Innenausbau folgt danach im Schweizer Werk Villeneuve. Das ärgert einige Kollegen, denn auch die Endfertigung könnte man problemlos im Görlitzer Werk erledigen – die Qualität und nötige Technik haben die Mitarbeiter oft und lange genug nachgewiesen.

Mein Arbeitseinsatz liegt mir heute besonders am Herzen: Denn am Bombardier-Standort in Görlitz arbeiten 1.350 Kolleginnen und Kollegen. Die Zukunft ihres Werkes ist ihnen wichtig. Ständig werde ich darauf angesprochen. 2020 läuft das 2018 ausgehandelte Standortsicherungskonzept aus. Wie es dann hier weitergehen wird, ob Entlassungen anstehen – die Unsicherheit nagt an vielen Kollegen. Viele haben schon zu DDR-Zeiten im Waggonbau gearbeitet. Immer wieder werde ich darauf angesprochen, was ich bzw. die Politik konkret tun kann. Ich erzähle, wie ich mich immer wieder in den vergangenen Jahren für die Mitarbeiter und ihr Werk engagiert habe, ob in Gesprächen und Verhandlungen vor Ort in Görlitz, Bautzen, Dresden oder auch in Berlin oder der Konzernzentrale in Montreal/Kanada im vergangenen Jahr. Dies werde ich auch künftig tun – auch wenn die Zukunftsentscheidung keine politische ist, sondern eine unternehmerische.

Durch die bestehende Ungewissheit sind die Gespräche heute anders als bei meinen vorherigen Einsätzen. Sehr offen und ehrlich schildern mit die Kolleginnen und Kollegen ihre Sorgen. In den sehr persönlichen Gesprächen erfahre ich, dass viele ihr ganzes Berufsleben in der Firma verbracht haben, ganze Familien sind hier schon seit Generationen an dem Standort tätig. Sie leben direkt oder indirekt von Bombardier. Viele sagen mir, »egal was kommendes Jahr passiert, Hauptsache es geht weiter!« Denn die Qualität der Görlitzer stimmt, die hochwertigen Fahrzeuge sind zudem wettbewerbsfähig und werden von den Kunden gelobt.

Während der Arbeit ist von der allgemeinen Verunsicherung keine Spur. Bei meinen Kollegen sitzt jeder Handgriff. Bereitwillig erklären sie mir alle Aufgaben. Und das sind ziemlich viele. Der Waggonwagenbau ist im Gegensatz zum Automobilbau – wo ich bei VW oder BMW bereits einen Tag war – keine Fließbandarbeit. Hier muss jeder vieles aus dem FF beherrschen. So fette ich Türen ein. Gründlich und ordentlich trage ich die Paste auf. Nach 6 Minuten ist das Werk vollendet. Mein Vorarbeiter grinst bei der Abnahme: »Dafür solltest du eigentlich nur eine Minute brauchen.« Um das bei der filigranen Montage zu schaffen, braucht man viel Geschick und Erfahrung. Ich verschraube Dichtungsgummis, setze Signale ein und ziehe Kabel entlang der Waggon-Wände für Licht, Klima und Tür – die später hinter einer Verkleidung verschwinden.

Bevor die fertigen Roh-Waggons das Werk verlassen, werden sie in Görlitz noch fertig für den Transport gemacht. Dafür werden Deckel an den Stellen angebracht, wo ganz am Ende die Zwischentüren eingesetzt werden und auch alle anderen Löcher werden zugeklebt, damit kein Wasser eindringen kann. Bevor es auf einem Zug in Richtung Schweiz geht, werden die Waggons zusätzlich noch in Folie eingewickelt, um sie vor Kratzern und Staub zu schützen.

Als meine Schicht gegen 14:30 Uhr endet, bin ich ziemlich geschafft. Es waren viele verschiedene Handgriffe, die ich heute machen musste. Viele neue Eindrücke, die auf mich eingeprasselt sind. Man muss immer hoch konzentriert sein. Und die Taktung ist ordentlich. Mein Team ist dennoch mit meiner Arbeit sehr zufrieden.

Ich bin wirklich stolz auf das, was die Waggonbauer in Görlitz leisten. Ob die lauten und anstrengenden Schweiß- und Metallarbeiten in der einen Halle oder eher die handwerklichen Montagearbeiten bei mir heute: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben nicht nur ihr Bestes, sie leisten auch wirklich gute Qualität. Hier in Görlitz steht ein Industriebetrieb, auf den nicht nur die Arbeiterinnen und Arbeiter stolz sein können, sondern wir alle. Ich für meinen Teil bin auf alle Fälle sehr angetan von dem tollen Team und glaube fest an eine Zukunft des Standorts.

Die Kolleginnen und Kollegen, die trotz aller Unsicherheiten in den vergangenen Monaten tagtäglich so engagiert an die Arbeit gehen, haben meinen vollsten Respekt!

© Institution